
Eine EMV-Kabelverschraubung erfüllt zwei Aufgaben, die eine Standardverschraubung nicht leistet: Sie kontaktiert den Kabelschirm rundum (360°) leitend mit dem Metallgehäuse und dichtet das Kabel gleichzeitig ab. Eine Standardverschraubung dichtet und entlastet nur, den Schirm lässt sie unberührt (Jacob GmbH, icotek, WISKA).
Für die Kaufentscheidung zählen drei Punkte: ob der Schirm tatsächlich rundum aufliegt, ob die Schutzart unter vergleichbaren Prüfbedingungen angegeben ist und ob Gewinde und Klemmbereich zum Kabel passen. Die Herstellerdaten dazu stehen in den folgenden Abschnitten.
Was eine EMV-Kabelverschraubung von der Standardverschraubung unterscheidet
Eine Standardverschraubung besteht aus Gehäuse, Dichteinsatz und Druckschraube. Sie verhindert, dass Wasser und Staub entlang des Kabels ins Gehäuse gelangen, und fängt Zugkräfte ab. Ein Schirmgeflecht oder eine Schirmfolie bleibt dabei elektrisch unbeteiligt.
Die EMV-Ausführung ergänzt ein leitfähiges Kontaktelement, meist eine Kontaktfeder oder einen Klemmring. Dieses Element presst den freigelegten Schirm rundum an das metallische Verschraubungsgehäuse. Über das Gewinde und die Gegenmutter gelangt der Schirm auf das Gehäuse und damit auf Schutzleiter-Potenzial. Störströme, die auf dem Schirm fließen, werden so direkt am Gehäuseeintritt abgeleitet und gelangen nicht ins Innere.
Ein verbreiteter Irrtum betrifft die „EMV-Klassen“. Für Kabelverschraubungen gibt es keine solchen Klassen. Die Klassen A und B betreffen die Störaussendung von Geräten und stehen in Produktnormen, nicht in der Norm für Verschraubungen. Welche Wirkung eine Verschraubung hat, zeigt sich in der Kontaktqualität und im Schirmübergang, nicht in einer Klassenangabe.
Wann sie nötig ist: Umrichter, Servoantriebe, Bus- und Sensorleitungen
Der Schirm eines Kabels wirkt nur, wenn er an beiden Enden oder zumindest am Gehäuseeintritt niederohmig angebunden ist. Ein Schirm, der im Gehäuse als Litze („Pigtail“) auf eine Klemme geführt wird, ist nur indirekt angebunden. Die rundum aufliegende Verschraubung vermeidet diesen Umweg.
Typische Einsatzfälle sind:
- Motorleitungen zwischen Frequenzumrichter und Motor, bei denen schnelle Schaltflanken Störströme auf dem Schirm treiben
- Servo- und Geberleitungen, bei denen Störeinkopplung zu Positionsfehlern führen kann
- Feldbus- und Ethernet-Leitungen, die durch ungeschirmte Eintrittsstellen Störungen aufnehmen
- analoge Sensorleitungen mit kleinen Signalpegeln
Bei einfachen Netzzuleitungen ohne Schirm, etwa einer NYM-J-Leitung zum Steckdosenstromkreis, bringt die EMV-Ausführung nichts. Dort genügt die Standardverschraubung. Ein Beleg für eine feste Schwelle, ab wie vielen Kabeln sich welche Lösung lohnt, fehlt in den ausgewerteten Quellen. Die Angabe „bis zu 50 Kabelpunkte“ für Bügellösungen, die in einem Fachartikel zur Intralogistik auftaucht, ist dort ohne Beleg und taugt nicht als Entscheidungsgrundlage.
Hinweis: Die EMV-Auslegung einer Anlage ist Sache einer Fachkraft mit Kenntnis der geltenden Normen und der konkreten Installation. Die Angaben hier ersetzen keine Planung und keine Prüfung vor Ort.
Bauformen: Kontaktfeder, Klemmring, EMV-Bügel, EMV-Einsatz
Es gibt drei Wege, einen Schirm aufzulegen; die integrierte Lösung arbeitet entweder mit Kontaktfeder oder mit Klemmring. Die Wege unterscheiden sich in Montageaufwand, Platzbedarf und Nachrüstbarkeit.
| Lösung | Schirmkontakt | Montage | Nachrüstbar | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| Integrierte 360°-EMV-Verschraubung | Rundum über Feder oder Klemmring | Ein Bauteil, Schirm freilegen | Austausch der Verschraubung | PFLITSCH blueglobe TRI, OBO V-TEC VM EMV, Jacob |
| Standardverschraubung plus EMV-Einsatz | Rundum über Einsatz im Dichtbereich | Einsatz zusätzlich einsetzen | Ja, bei kompatibler Serie | WISKA |
| Standardverschraubung plus EMV-Bügel | Über Bügel an Tragschiene oder Leiste | Schirm im Gehäuse oder an der Abfangleiste auflegen | Ja | icotek |
Die integrierte Lösung ist die kompakteste: Dichtung, Zugentlastung und Schirmkontakt sitzen in einem Bauteil. Der EMV-Einsatz in einer Standardverschraubung bietet sich an, wenn eine Serie bereits verbaut ist oder in einem Gehäuse nur einzelne Leitungen geschirmt sind. Bügel- und Abfangleisten-Lösungen werden eingesetzt, wenn viele Leitungen an einer Stelle eintreten oder die Leitungen vorkonfektioniert und nicht durch ein Gewinde geführt werden können.
Eine pauschale Aussage zum Werkstoff lässt sich nicht treffen. EMV-Verschraubungen gibt es aus vernickeltem Messing und aus Edelstahl. Kunststoffverschraubungen können nur mit leitfähigen Einsätzen oder Bügeln EMV-wirksam sein. Die Behauptung „Metall bietet immer die dauerhaftere Verbindung“ gilt streng genommen nur für die Kontaktfläche.
Auswahl: Gewinde, Klemmbereich, Werkstoff, Schutzart
Gewinde
Üblich ist das metrische Gewinde mit 60°-Flanke, nach EN 60423. Das ältere Pg-Gewinde (80°-Flanke, ursprünglich für Stahlpanzerrohr) ist weitgehend abgelöst. Metrisch und Pg sind nicht kompatibel, auch wenn die Durchmesser ähnlich wirken. Zusätzlich existieren NPT (konisch) und G/Whitworth (55°) (PFLITSCH, icotek).
Marktübliche EMV-Reihen decken M12 bis M63 ab, etwa die OBO-V-TEC-Serie mit acht Größen. Die Bohrung im Gehäuse entspricht laut WISKA dem Gewindedurchmesser plus 0,2 mm, ab M32 plus 0,3 mm.
Klemmbereich
Der Klemmbereich ist der Kabeldurchmesser, den Dichteinsatz und Klemmung sicher fassen. Er variiert zwischen Herstellern und Dichteinsätzen deutlich. Für M20 nennen die Datenblätter:
| Gewinde | WISKA Standard | PFLITSCH blueglobe | PFLITSCH UNI Dicht |
|---|---|---|---|
| M20 | 6–13 mm | 5–14 mm | 4–20,5 mm |
| M25 | 9–17 mm | 11–20 mm | – |
Ein Rechenbeispiel: Eine NYM-J 3×1,5 hat rund 9 mm Außendurchmesser. Bei WISKA liegt M16 (4,5–10 mm) knapp im Bereich, mit etwa 1 mm Reserve nach oben. M20 (6–13 mm) liegt komfortabel in der Mitte. Ein Kabel sollte im mittleren Drittel des Klemmbereichs liegen. Das Datenblatt des konkreten Herstellers hat in jedem Fall Vorrang.
Werkstoff und Temperatur
Die ausgewerteten Datenblätter nennen vernickeltes Messing. Die OBO V-TEC VM12 EMV gibt −20 bis +100 °C an (Datenblatt, Stand 2025). Für Anwendungen außerhalb dieses Bereichs oder in aggressiver Umgebung ist ein anderer Werkstoff zu prüfen.
Schutzart: IP68 ist nicht gleich IP68
Die Schutzart eines Gehäuses nach DIN EN 60529 gilt nur im vollständig und korrekt montierten Zustand; die Kabelverschraubung mit ihrer Gewindedichtung (bei OBO ein O-Ring) ist Teil der Dichtkette. Bei IPX7 liegt die Prüfbedingung fest bei 1 m Wassertiefe und 30 Minuten. Bei IPX8 legt der Hersteller die Bedingungen fest, sie müssen strenger sein als bei IPX7; ohne andere Angabe wird teils von 1 m Wassertiefe ausgegangen, deshalb ist die Herstellerangabe maßgeblich.
Der Datenblattvergleich macht den Unterschied sichtbar:
| Hersteller / Typ | Angabe | Prüfdruck | Wassersäule (≈) |
|---|---|---|---|
| OBO V-TEC VM12 EMV | IP68 | 5 bar / 1 h | 50 m |
| PFLITSCH blueglobe TRI | IP68 | bis 15 bar | 150 m |
| Zum Vergleich: Prüfbedingung IPX7 (kein Produkt) | IPX7 | – | 1 m / 30 min |
Rechnung: 1 bar entspricht näherungsweise 10 m Wassersäule, also 5 bar etwa 50 m und 15 bar etwa 150 m, ohne Berücksichtigung des Atmosphärendrucks. Beide Werte liegen weit über der IPX7-Prüftiefe, unterscheiden sich untereinander aber um den Faktor 3. Bei Anwendungen mit dauerhaftem Untertauchen sollte daher nach Prüfdruck und Prüfdauer gefragt werden, nicht nur nach „IP68“.
Ein zweiter Stolperstein ist die Hochdruckreinigung. Die Stufe IPX9 (Heißwasser-Hochdruckstrahl) gehört zur IEC 60529. IPX9K gehört dagegen zur ISO 20653 für Straßenfahrzeuge. Beide Normen sind nicht austauschbar, bei Angaben ist die Bezugsnorm zu nennen. PFLITSCH führt für die blueglobe TRI „IP69“. Eine pauschale Empfehlung „mindestens IP67“, wie sie in Branchenartikeln vorkommt, ist keine Normaussage. Die nötige Stufe richtet sich nach dem Medium: Strahlwasser entspricht IPX5 bzw. IPX6, zeitweiliges Untertauchen IPX7, Untertauchen unter Herstellerbedingungen IPX8.
Norm und Zugentlastung
Kabelverschraubungen für elektrische Installationen sind in DIN EN 62444 (VDE 0619) genormt. Sie löste die EN 50262 ab, die Übergangsfrist endete am 23.09.2016. Manche Datenblätter nennen noch die alte Norm, so auch das der OBO V-TEC VM12 EMV. Das ist ein Datenblattalter, kein Qualitätsmerkmal, sollte aber beim Vergleich auffallen. Die Norm unterscheidet zwei Zugentlastungsklassen, A (erhöht) und B (Standard). Die Zuordnung ist je Datenblatt zu prüfen; PFLITSCH nennt „bis Klasse B“ für die blueglobe TRI.
Fehlender Kennwert: die Schirmwirkung
Keine der ausgewerteten Herstellerseiten nennt einen messbaren Kennwert für die Schirmwirkung, etwa Schirmdämpfung oder Transferimpedanz in mΩ/m. Wer diese Zahl für eine Auslegung braucht, muss sie beim Hersteller anfragen oder selbst messen lassen. „EMV-geprüft“ ohne Kennwert ist als Auswahlkriterium zu dünn.
Montage und Prüfung in der Praxis
Die beste Verschraubung wirkt nur, wenn Schirm und Gehäuse sauber kontaktiert werden. Die Montage folgt dieser Reihenfolge:
- Kabelmantel auf der nötigen Länge entfernen, sodass der Schirm im Kontaktbereich der Feder oder des Klemmrings frei liegt.
- Kontaktfeder oder Klemmring auf den Kabeldurchmesser abstimmen. Ein zu großer Bereich lässt den Schirm locker liegen.
- Gehäusefläche an der Auflage der Gegenmutter blank halten. Lack und Pulverbeschichtung isolieren und machen den Schirmkontakt wirkungslos.
- Gegenmutter anziehen. Gegenmuttern mit Schneidzähnen (etwa OBO 169 MSS) unterstützen den Kontakt, ersetzen aber keine blanke Kontaktfläche.
- Anzugsmoment nach Datenblatt einhalten. Für die OBO V-TEC M12 liegt der Wert bei 3,5 Nm.
- Durchgang zwischen Schirm und Gehäuse prüfen (Vorgehen nach Herstellerangabe).
Der O-Ring am Gewinde gehört zur Dichtkette (OBO V-TEC). Er darf bei der Montage nicht verrutschen oder beschädigt werden, sonst nützt die angegebene Schutzart nichts.
Häufige Fehler
- Schirm als Litze angeschlossen: Das „Pigtail“ im Gehäuse bindet den Schirm nur indirekt an. Der 360°-Kontakt am Gehäuseeintritt vermeidet diesen Umweg.
- Lackierte Auflagefläche: Die Verschraubung sitzt fest, der Schirm hat aber keinen elektrischen Kontakt zum Gehäuse.
- Falscher Klemmbereich: Liegt das Kabel am Rand des Bereichs, drückt die Feder ungleichmäßig oder die Dichtung schließt nicht.
- IP-Angabe ohne Bedingungen verglichen: IP68 mit 5 bar und IP68 mit 15 bar sind unterschiedliche Leistungen.
- Metrisch und Pg vermischt: Die Gewinde sind nicht kompatibel und dürfen nicht miteinander kombiniert werden.
- Altes Datenblatt übernommen: Der Verweis auf EN 50262 zeigt eine überholte Normgrundlage. Aktuell ist DIN EN 62444.
Fazit
Eine EMV-Kabelverschraubung ist dort sinnvoll, wo geschirmte Leitungen ein Metallgehäuse durchdringen, also bei Motor-, Geber-, Bus- und Sensorleitungen. Für ungeschirmte Netzzuleitungen genügt die Standardverschraubung. Bei der Auswahl sollten Gewinde (metrisch), Klemmbereich (Kabel im mittleren Drittel) und Prüfdruck der IP-Angabe verglichen werden; der Prüfdruck gehört zur Angabe. Sind bereits Standardverschraubungen verbaut, kann ein EMV-Einsatz oder ein Bügel die günstigere Nachrüstung sein. Entscheidend für die Wirkung bleibt die Montage: blanke Gehäusefläche, richtig abgestimmte Kontaktfeder und der Kontaktdurchgang als Stichprobe.
Quellen
- PFLITSCH · EMV-Kabelverschraubung blueglobe TRI · Abruf 09/2026 · pflitsch.de
- OBO Bettermann · V-TEC VM12 EMV, Art.Nr. 2086203 · Abruf 09/2026 · obo.de
- Jacob GmbH · EMV Kabelverschraubungen · Abruf 09/2026 · jacob-gmbh.de
- WISKA · Kabelverschraubungen (Gewinde und Klemmbereiche) · Abruf 09/2026 · wiska.com
- PFLITSCH · Kabelverschraubung (Gewindetabelle) · Abruf 09/2026 · pflitsch.de
- icotek · Kabelverschraubungen · Abruf 09/2026 · icotek.com
- Schaltschrankbau-Magazin · Neue Richtlinien und Normen für Kabelverschraubungen · Abruf 09/2026
- Wikipedia · Schutzart (IP-Code, Normverweise) · Abruf 09/2026 · de.wikipedia.org
- Treo Prüflabor · IP-Schutzarten · Abruf 09/2026 · treo.de